„Reisen ermöglichen Veränderungen. Das ist ein Mehrwert.“

Reisen als verändernde Kraft im Leben der Menschen: Wolfgang Isenberg über den wiederentdeckten Wert der Reiseerfahrung, blinde Flecken der Branche und die Zukunft des Massentourismus.

Herr Dr. Isenberg, Sie beobachten die Tourismusbranche schon sehr lange. Welches Thema halten Sie aktuell für sehr wichtig und welche Entwicklungen können Sie ausmachen?

In den letzten Jahren hatte ich Gelegenheiten, das Thema Tourismus aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Interessante Fragen sind und werden es auch sicherlich bleiben: „Was erwarten Reisende eigentlich? Was wollen sie erleben? Was macht sie glücklich?“ Bei der Urlaubsgestaltung spielt zunehmend der Aspekt der Sinnsuche eine nicht unerhebliche Rolle. Das geht durchaus einher mit den Überlegungen: „Welche Angebote kann der Tourismus zur Veränderung der Lebensgestaltung und der Orientierung bereitstellen?“ Die Gewissheit, dass Ortsveränderungen und die damit verbundenen Erfahrungen Impulse für die persönliche Entwicklung auslösen (können), gilt als Grundkonstante. Auch wenn diese Anmerkungen zunächst noch als Nischenthema erscheinen mögen, damit lässt sich Reisen aber als wertvoller Aspekt und vielversprechendes Instrument der Sammlung von Erfahrungen verstehen. Dies spiegelt das Bedürfnis wider, sich selbst mit der Welt in Beziehung zu bringen. Bemerkenswert ist in diesem Kontext auch, dass Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, manchmal sicherlich noch etwas zögerlich, kreative Auszeiten und Gelegenheiten gewähren, die Welt in Form von Sabbaticals, persönlichen Projekten oder Praktika zu erkunden. Die Welt sehen, Natur erleben, soziales Engagement oder Selbstverwirklichung sind vielfach die Motive für eine solche Auszeit. Ortswechsel helfen, die Welt und vor allem aber auch sich selbst neu wahrzunehmen. In Verbindung mit den zu erwartenden Änderungen bei den Arbeitskulturen gehören die harten Abgrenzungen von Freizeit und Arbeit bald weitgehend der Vergangenheit an.

Veränderungen erfahren wir laut Hartmut Rosa durch Resonanzerfahrungen. Wie können diese beim Reisen aussehen und welchen Unterschied sehen Sie hier zu heutigem Reiseverhalten?

Nach Hartmut Rosa ist Resonanz ein Begriff, der für ein sinnerfülltes Leben stehen kann: Menschen erfahren ihr Leben dann als sinnvoll, wenn sie Resonanzbeziehungen zu ihrer Umwelt aufbauen können. Für viele sind Urlaub und Reisen inzwischen die eigentlichen Erfahrungsfelder für Lebensbalance, Ruhe und Besinnung. Im Urlaub finden sie oft entsprechende Angebote und professionelle Unterstützung, die im Alltag nicht immer direkt zugänglich sind.

So empfehlen sich Reisen regelrecht als Erfahrungsräume für Resonanz. Das setzt aber voraus, dass Reisende bereit und daran interessiert sind, mit der Welt an touristischen Orten in Beziehung zu treten und sich auf Natur, Menschen, Kunst oder zum Beispiel Architektur einzulassen und über Zusammenhänge nachdenken. Dieses Interesse zeigt das Bedürfnis, sich selbst auf Reisen mit der Welt in Beziehung zu setzen. Voraussetzungen sind das Verlassen einer hermetisch abgegrenzten touristischen Welt, das Sich-Einlassen auf korrespondierende persönliche Bezüge und das Verständnis, dass das Finden authentischer Lebenswelten in touristisch inszenierten Kulissen enden kann. Die Auffassung Rosas öffnet eine besondere Sichtweise auf den Wert des Reisens, zumal sie auch in aktuellen Reisetendenzen aufscheint.

Die Tourismuskritik der 1970er und 1980er Jahre unterstellte Touristen oftmals die Unfähigkeit und ein mangelndes Interesse an selbsttätigen und kreativen Erfahrungen der Umwelt im Urlaub. Gegenwärtig lassen sich deutlich zwei Entwicklungen festhalten: Die „Destination Ich“ gilt als anerkannte Zielperspektive. Dahinter steht das bereits benannte Bedürfnis, auf Reisen sich selbst verändern zu wollen, die Suche nach Inspiration, das Leben fühlen und begreifen. Und: Die Erlebniskultur auf Reisen verändert sich und bewegt sich in Richtung „Destination Alltag“. Gesucht wird die Begegnung mit dem sogenannten Authentischen, dem lebendigen, echten Leben vor Ort.

Glauben Sie, dass es in Zukunft noch die extreme Form des Massentourismus nach dem Ballermann-Prinzip geben wird?

Diese Art von Tourismus hat es in unterschiedlichen Ausprägungen schon zu anderen Zeiten und an anderen Orten gegeben. An Rhein oder Mosel waren in der Vergangenheit einmal ähnliche Erscheinungen zu beobachten, an die heute niemand mehr so gerne erinnert werden will. Es hat sich gezeigt, dass diese Exzesse leider nur schwer zu reglementieren und zu vermeiden sind. Durch eine fehlende soziale Kontrolle hat Urlaub neben neuen Welterfahrungen auch immer Raum für Grenz- und Tabuüberschreitungen eröffnet. Das sollte aber nicht den Blick dafür verstellen, dass Reisende mit ihren Erfahrungen auch Agentinnen und Agenten eines sozialen Wandels sein können. Reisen und Urlaub sind Inspirationsquelle und Ausgangspunkt für Veränderungen im Leben. Das ist ein echter Mehrwert. Reisende denken, weit entfernt von ablenkenden Zwängen des Alltags und der Arbeit, durchaus über sich und ihre persönlichen Ziele nach. Sie treffen ihr Leben verändernde Entscheidungen, zum Beispiel in Bezug auf Beziehungen oder den Beruf.

Beobachten Sie denn schon Anbieter, die nicht nur einen temporären Ausbruch aus dem Alltag versprechen, sondern auch das neue Bedürfnis von Reisenden nach anhaltenden Veränderungserfahrungen adressieren? Und können solche Angebote auch den Massentourismus bedienen?

Die Lufthansa startet in die Urlaubssaison 2019 mit einer Fortsetzung ihrer Kampagne #LifeChangingPlaces. Unter dem Leitgedanken #SayYesToTheWorld zielt sie auf Entdeckerlust. Inhaltlich fokussiert sie bereichernde Erlebnisse und die inspirierende Wirkung von Reisen an Orte, die einen Perspektivwechsel ermöglichen sowie eine Lebensweise fern der gewohnten verkörpern. Nicht nur das Interesse an sinnstiftenden Erfahrungen wird den touristischen Markt in Zukunft verändern. Die Plattformökonomie wird zu weiteren Strukturveränderungen führen und das Geschäftsmodell der Reiseveranstalter unter Druck setzen. Die Veränderungen gehen aber noch weiter: Unternehmen investieren deutlich in das Ausflugsgeschäft, in die Begleitung der Reisenden am Urlaubsort. Wanderungen, Weinproben oder Erlebnistouren sollen neben Hotels und Kreuzfahrten mit der Investition in das Start-up „Musement“ das nächste Wachstumsfeld der TUI werden. Vorstandschef Fritz Joussen möchte es zum führenden volldigitalisierten Anbieter für Destination Experience machen. Auf dem Markt in dem eher kleinteiligen Geschäft mit Touren und Aktivitäten sind aber schon GetYourGuide, Expedia Local Expert, Viator, Airbnb, rent-a-guide oder Adventure World Tours und andere unterwegs. Auch Destinationen werden hier aktiv: Der Turismo de Tenerife verfügt inzwischen über eine eigene Plattform, auf der Reisende neben Exkursionen Wanderungen, Besichtigungen oder Sternebeobachtungen buchen können. Die Vermarktung des „Authentischen“ geschieht darüber hinaus auch unter einer anderen Perspektive: Zur Entlastung besonders stark frequentierter In-Viertel schickt visitBerlin Besucher mit der App „Going Local Berlin“ in die Randbezirke, abseits der bekannten Pfade, um Berlin wie ein „echter Local“ zu erleben.

Gibt es denn Ihren Erfahrungen nach auch noch blinde Flecken, die die Branche hier hat?

Die Branche ist gegenwärtig, verständlicherweise, ziemlich gefangen von den Themen Strukturveränderung, Marktdurchdringung und fokussiert sich auf ihre Wertschöpfung. Fragen eines Kulturwandels in der touristischen Arbeitsorganisation oder eines interdisziplinären Blickes auf das Gesamtspektrum der Treiber touristischer Entwicklungen bleiben eher die Ausnahme. Wegbereiter für eine wertschätzende Unternehmenskultur mit mehr Sinn und Potenzialentfaltung bei seinen Mitarbeitenden ist gegenwärtig sicherlich das Unternehmen Upstalsboom, das seine Mission als Querdenker der Branche und seine werteorientierte Unternehmensphilosophie auch in das Zentrum der kommunikativen Arbeit stellt: Sinnstiftende Perspektiven werden sowohl für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens als auch für die Gäste gleichermaßen entwickelt. Der Ausflug der Reisebranche in das Lab-Zeitalter verläuft nur kurz. Vorreiter in den Jahren 2010 und folgende sind die TUI AG mit ihrem Thinktank „Leisure and Tourism“ oder der Schweizer Veranstalter Kuoni, inzwischen Teil der DER Touristik Group. Kuoni interessierte sich für die psychologischen Wirkungen sowie die lebensverändernden Erfahrungen ihrer reisenden Gäste und veröffentlichte auch die entsprechenden Ergebnisse. Damit sind wir dann wieder beim Thema Resonanz: Wichtig ist es zu fragen, welche Veränderungsleistungen Reisen tatsächlich haben, nicht nur als Konsumgut, sondern als Mehrwert.

Gibt es denn Akteure in der Branche, die hier schon weiter sind? Wer wird der Vorreiter eines Resonanz- Tourismus werden?

Auf den Wunsch nach Stille, nach Entschleunigung oder auf die Suche nach Sinn antworten zahlreiche touristische Angebote. Die Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein bietet zum Beispiel Schlafstrandkörbe an als „Glückserlebnis“ im Rahmen der Imagekampagne „Das ist Glück“. In Bayern lassen sich mit „stade zeiten“ entspannte Tage, stille Momente oder spirituelle Auszeiten hinter Klostermauern und auf Pilgerwegen inmitten schöner Landschaften erleben. Das Netzwerk „Wege zum Leben. In Südwestfalen.“ erschließt das spirituelle Potenzial der Region. Bewohnerinnen, Bewohner und Gäste werden in eine Kulturlandschaft geführt, die reichhaltig durch Kirchen, Bildstöcke und durch andere Formen christlicher Symbolik geprägt ist, an Landschaftsgrenzen, an Plätze mit beeindruckenden Ausblicken und an symbolhafte Landschaftselemente wie Berggipfel. Oder der „Meditationsweg Ammergauer Alpen“, der auf Kraftorte verweist. „Südtirol Balance“ fordert dazu auf, zur Ruhe zu kommen und an Kraftplätzen neue Energie zu sammeln. Die Österreich Werbung will mit naturbegegnenden Reisen den Menschen in Resonanz zur Mitwelt und sich selbst bringen. Und nicht zu vergessen das Waldbaden: Waldbaden, die naturbezogene Praxis, die darauf ausgerichtet ist, das allgemeine Wohlbefinden aus der Kraft der Natur zu stärken.

Es sind gerade Destinationen wie Südtirol, die sich abwenden von den klassischen touristischen Marketingtools. So werden unter dem Slogan „Was uns bewegt“ in kurzen filmischen Sequenzen auf einer Plattform Geschichten von Menschen aus Südtirol erzählt, wie sie leben, was ihnen wichtig ist. Es werden Themen aufgegriffen, die alle betreffen, ob im Urlaub oder zuhause, sie zeigen Lebenskonzepte, fragen nach dem guten Leben. Da ist zum Beispiel die erste Winzerin, die mit ihren Töchtern in die Elite der italienischen Weinszene aufrückt. Ein Journalist findet Stille, er geht für drei Tage ins Kloster. Oder Architekten, die keine Häuser, sondern, wie sie es ausdrücken, Geschichten bauen. Konsequent verzichtet Südtirol 2019 auf seinen ITB-Messeauftritt und nutzt alternativ das Berlin Travel Festival als Bühne für seine Präsentation, um das Land mit Geschichten von Südtirolern, der gemeinsamen Zubereitung von Knödeln, der Verkostung von Weinen, Speck oder Apfelsorten effizienter und direkter zu bewerben. Bei den Besuchern des Festivals werden eher die Menschen vermutet, die in ihren Werthaltungen Reisen als persönlich weiterbringende Erlebnisse verstehen.

Auf Mallorca ist die Stiftung Itinerem gestartet, eine private Initiative, die die traditionellen, meist abgelegenen, bisher kaum zugänglichen Landgüter der Insel, oft einige Jahrhunderte alt, für Ausflüge, Gespräche und Besichtigungen zugänglich machen will. So entsteht langsam eine Angebotspalette für Menschen, die sich überraschen lassen möchten und definitiv ein Interesse an der Kultur Mallorcas haben. Die Initiatoren der Stiftung sehen reine Strandurlauber nicht als potenzielle Besucherinnen und Besucher: eine deutliche Entscheidung.

Dieses Interview erschien in der Tourismus-Trendstudie des Zukunftsinstituts:  Der neue Resonanz-Tourismus. Frankfurt 2019, S. 37-40. Die Fragen stellte Verena Muntschick. Das Zukunftsinstitut erlaubte freundlicherweise den Abdruck.


Bezugsquelle: Die Trendstudie „Der neue Resonanz-Tourismus“ Frankfurt 2019, 116 Seiten, ISBN: 978-3-945647-62-2, 225,00 € inkl. USt., kann bezogen werden über das Zukunftsinstitut. www.zukunftsinstitut.de

Wo ist die Zeit geblieben? Leben im Hier und Jetzt – mehr leben, mehr genießen, mehr entschleunigen!

Die GrimmHeimat Nordhessen ist im August diesen Jahres offiziell und bundesweit als Entschleunigungsregion ausgerufen worden. Am 31. August findet erstmalig der „Tag der Entschleunigung“ statt.

Entschleunigung – die Grundidee der Achtsamkeit: Entspannen im Hier und Jetzt, dem Alltagstrott entfliehen, Stress erkennen und entgegenwirken, innere Gelassenheit entwickeln, sich selbst und die Welt bewusst wahrnehmen. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir so viel Zeit – genauer gesagt Lebenszeit – haben, wie vorab noch nie, leiden wir unter Zeitmangel, Zeitdruck und bereits junge Menschen zeigen Erschöpfung- und Stresssymptome. Entsprechend ist das Verlangen und der Wunsch nach mehr „Aus- und Ich-Zeiten“ und Balance sowie die Suche nach Glücklichsein im Hier und Jetzt groß.

Ein genauer Blick in das Thema „Mindfulness“ (dt. Achtsamkeit), welches heute als Trend, als Zeitgeistthema und als Lösung vieler unserer Probleme gilt, zeigt: Achtsamkeit ist keine neuartige Veränderungsbewegung oder Entwicklung. Der Ursprung der Achtsamkeit kommt aus dem Buddhismus, welcher eine lange Tradition hat und auf vier Grundlagen (Achtsamkeit auf den ganzen Körper, die Gefühle/Empfindungen, den Geist und die Geistesobjekte) aufbaut.

Viele unserer Urlaubsdestinationen, wie unsere Heilbäder und Kurorte, die Kompetenzzentren für Gesundheit, aber auch Regionen wie die GrimmHeimat Nordhessen, gehen auf das Thema ein und bieten Ihren Gästen Auszeiten, Zeit für sich, Entspannung im Hier und Jetzt und Momente des Glücks. Auch einige Länder haben sich das Thema Achtsamkeit auf die Fahne geschrieben, wie beispielsweise Bayern, die mit der Marke „stade zeiten®“ Erholungsurlaub in der bayerischen Natur mit Langzeitwirkung anbieten.  

Angebote und Produkte sind vermeintlich schnell entwickelt: Spaziergang im Park, Besuch in der Therme – damit steht sicherlich ein für den Gast scheinbar gutes und kompetentes Produkt: „Erholungsurlaub“. Für Menschen mit Stress- und Erschöpfungssymptomen, die sich bewusst für einen Gesundheitsurlaub entschieden haben, geht es aber um viel mehr als fünf Tage Entspannung. Im Fokus stehen Prävention, das Vorbeugen von Erschöpfungszuständen und Krankheiten, das Erlernen Verhaltensmuster zu ändern und zu durchbrechen, Achtsamkeit in den Alltag zu übertragen, u.ä. Hierzu ist medizinisch-therapeutische Kompetenz und die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswirtschaft und Tourismus essenziell. Die GrimmHeimat Nordhessen hat beispielsweise Ihre Angebote und Produkte gemeinsam mit Akteuren aus Tourismus, Gesundheit, Informations- und Kommunikationstechnik sowie Kultur- und Kreativwirtschaft entwickelt, um ein aus touristischer und gesundheitlicher Sicht kompetentes und nachweislich wirkungsvolles Produkt zu gewährleisten.

Die GrimmHeimat nutzt Bausteine wie Waldbaden, Yoga und Meditation für Ihre Produkte, um Gäste und Besucher für neue Perspektiven zu öffnen. Es werden Methoden und Wege aufgezeigt, um mit sich selbst in Kontakt zu kommen, das Leben im Hier und Jetzt im Alltag zu verankern und den Momenten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das Ziel ist dabei immer zu berücksichtigen: Gedankenkarusselle stoppen und mehr Gelassenheit entwickeln.

Einer der wohl wichtigsten Punkte der Produktentwicklung ist die Nachbereitung. Hier helfen beispielsweise positive Erinnerungen an den Aufenthalt, aber auch das Aufzeigen von Impulsen, die Gäste und Besucher in Ihren Alltag integrieren können. Aus eigener Erfahrung können wir das Erlernen von Ritualen als eine Anregung mitgeben. Diese können schon in die Produktkonfiguration aufgenommen und so leicht in den Tagesablauf eingebunden werden. Egal ob morgens, im Verlauf des Tages oder abends vor dem Zubettgehen: Rituale am Morgen schaffen einen klaren Kopf und einen angenehmen Start in den Tag. Rituale im Lauf des Tages schaffen Zeit zum Durchatmen und zum bewussten Lenken der Aufmerksamkeit in den gegenwärtigen Moment und auf eine Sache oder einen Gedanken. Abends schaffen sie einen gedanklichen Tagesabschluss und ein Loslassen.

Machen Sie einen Produktcheck – haben Sie nach die Nachbereitung in Ihren Angeboten und Produkten berücksichtigt? Welche Impulse geben Sie Ihren Gästen mit?

#healthyaging – Gesundes Altern auch im Urlaub

Die WHO plant ab 2020 eine Dekade zum gesunden Altern, denn die demografische Alterung erfordert Anpassungen, Neuorientierungen und Maßnahmen in zahlreichen, miteinander interagierenden Lebensbereichen – auch im Tourismus!

Der demographische Wandel ist neben dem Wertewandel, Innovationen und Kooperationen sowie dem Wandel der Rahmenbedingungen, ein Markttreiber des Gesundheitstourismus. Unsere immer älter werdende Gesellschaft bewirkt ein Ansteigen altersbedingter Krankheiten, z.B. Diabetes oder Einschränkungen des Bewegungsapparates. Trotzdem möchte die ältere Generation auch mit steigendem Alter möglichst vital und agil bleiben. Wir müssen uns fragen wie unsere Gesellschaft mit neusten Technologien und Innovationen beispielsweise aus der Medizin in den nächsten Jahrzehnen leben, arbeiten aber auch reisen wird. Nutzen Senioren zukünftig vermehrt die Digitalisierung und e-Health Technologien und managen Ihre Gesundheit selbst? Werden Senioren künftig mit E-Scooter anstatt mit Rollatoren oder Rollstühle Ausflüge in den Kurpark unternehmen?

Quelle: www.pflegemarketing.org

Das Thema Gesundheitsvorsorge gewinnt zunehmend an Bedeutung. Unsere älteren Generationen, auch unter den Begriffen und Kategorien Best Ager, Generation gold oder Seniors bekannt bietet ein hohes Potential an Nachfragern für gesundheitstouristische Angebote. Die Überalterung der Bevölkerung bietet dem Gesundheitstourismus somit die Chance, Produkte und Services für neue Zielgruppen zu entwickeln. Aufgrund der hohen Ansprüche seitens der Nachfrager liegt hierbei der Fokus auf qualitativ hochwertigen gesundheitsvorsorgetouristischen Angeboten. Für die alternde Zielgruppe spielt somit eine medizinisch-therapeutische Absicherung am Urlaubsort, inklusive stark service- und komfortorientierter Angebote eine zunehmende Rolle.

Unsere Aufgabe ist es ein altersfreundliches Umfeld auch während Reisen zu schaffen, dazu müssen natürlich Rahmenbedingungen wie beispielsweise adäquate Infrastruktur, Barrierefreiheit oder auch die Schaffung eines Bewusstseins für unsere ältere Generationen gewährleistet sein. Enorme Chancen bietet die Entwicklung den Heilbädern und Kurorten, den Versorgungs- und Kompetenzzentren für Gesundheit, sowie den Gesundheitsregionen. Was Sie dafür tun müssen? Medizin, Gesundheit und Tourismus zusammenführen, Gesundheitliche Kernkompetenzen im Ort oder der Region entwickeln und die medizinisch-therapeutische Qualität absichern, ein ganzheitliches Profil für Gesundheit und gesundheitliche Mehrwerte aufbauen, neue Marktsegmente mit entsprechenden Angeboten und Produkten ansprechen und Zukunftspotenziale vorausschauend nutzen. Die Effekte einer gesundheitlichen Ausrichtung sind erheblich. Die Orte machen sich selbst nicht nur als Lebens-, Wohn- und Arbeitsraum fit für die Zukunft, sondern erlangen beispielsweise Alleinstellungen im Wettbewerb und Erweitern ihr touristisches Angebotsportfolio, stärken die wirtschaftliche Bedeutung und generieren dauerhaft mehr Wertschöpfung,…

Ein gutes Beispiel: das Gesundland Vulkaneifel. 2009 schließen sich drei Verbandsgemeinden (Daun, Wittlich-Land damals Manderscheid, Ulmen) mit einem Ziel zusammen, denn Sie möchten gemeinsam etwas für die Gesundheit tun: Markstellung als Kompetenzführer für Therapeutische Landschaft.

Pollenalarm! Des einen Freud, des anderen Leid…

Strahlend blauer Himmel, Sonne pur – während sich die einen im Frühling und Sommer über die erwachte und blühende Natur freuen, kämpfen die anderen mit verquollenen Augen, verstopfter Nase und ständigem Niesreiz.

Allergien als Volkskrankheit

Die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert Koch-Instituts belegt:bei einem knappen Drittel der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren ist irgendeine Allergie ärztlich festgestellt worden. Am häufigsten ist der Heuschnupfen.

Um den Allergien im Alltag effektiv entgegenzuwirken, sie zu lindern oder im besten Fall sogar dauerhaft zu heilen gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Verschiedene Medikamente mit unterschiedlichen Wirkungsstärken (Cromone, Antihistaminika oder Glukokortikoide) helfen bei der Bekämpfung der Allergien. Zusätzlich können Betroffene eine spezifische Immuntherapie (SIT) durchführen. Die Wirksamkeit ist ausreichend belegt. Die Behandlungsmethode ist laut Studien die einzige erfolgsversprechende ursächliche Methode. Ob zuhause oder im Urlaub: sobald es heißt „Pollenalarm!“ möchte auch heute noch so manch ein Allergiker am liebsten nicht mehr vor die Tür gehen.

In unserem Marktüberblick „Vier Zugänge zum Gesundheitstourismus“ (siehe Blogbeitrag 02.01.2019) sprechen wir in der Kategorie „Betroffene mit Indikation“ mit dem Reisemotiv Urlaub genau diese Menschen an: Chroniker – zum Beispiel Menschen, die von Allergien betroffen sind und trotz Beeinträchtigung „sorgenfrei“ Urlaub machen möchten.

Um diesen Menschen einen sorgenfreien Urlaub zu bieten, haben sich einige Kommunen allergikerfreundlich positioniert und heute schon das Zertifikat „Allergikerfreundliche Kommune“ erhalten, weitere sind auf dem Weg zur allergikerfreundlichen Kommune. Unterstützt werden die Heilbäder und Kurorte vom Deutschen Heilbäderverband, der Urlaub für Allergiker auf Grund der steigenden Anzahl an Betroffenen heute und für die Zukunft als Trend für den Tourismus identifiziert hat. Gemeinsam mit der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) werden Kommunen zertifiziert, die die definierten Voraussetzungen und Anforderungen erfüllen. Hierzu gehören beispielsweise die Vermeidung von allergenen Grünpflanzen oder auch die Schaffung von rauch- und haustierfreien Zonen.

Nicht nur die betroffenen Gäste profitieren, sondern auch die Betriebe und Destinationen selbst: Die Entwicklung hin zu einer allergikerfreundlichen Kommune bietet Destinationen die Möglichkeit ein klares, eindeutiges Profil zu entwickeln und sich von Mitbewerbern abzugrenzen. Definierte Zielgruppen können konkret auf Basis Ihrer Bedürfnisse und Wünsche angesprochen, profilierende Angebote und Produkte, die die besonderen Eigenschaften und das Profil der Destination zeigen und prägen zielgruppen- und indikationsorientiert entwickelt werden.

Die erfolgreiche Entwicklung zur allergikerfreundlichen Kommune haben beispielsweise Bad Hindelang (BY), Bad Salzuflen (NRW) oder auch die Ostfrisische Insel Borkum (NI) durchlaufen. Bad Hindelang wurde 2011 als erste „Allergikerfreundliche Kommune“ der Alpen ausgezeichnet. Der Heilklimatische Kurort und zugleich Kneippheilbad verzeichnet inzwischen 115 Betriebe (Unterkünfte, Gastronomie, Einzelhandel, etc.) die sich der Ausrichtung angeschlossen haben. Auch in Bad Salzuflen als Soleheilbad haben sich einige Leistungsträger zertifizieren lassen, darunter neben den klassischen touristischen Leistungsträgern auch zwei Supermärkte und zwei Friseure. Die Antwort auf die Frage, wer nun also vom (Gesundheits-) Tourismus profitiert, kann ergänzt werden: Nicht nur Übernachtungs- und Tagesgäste, sondern auch Einheimische profitieren.

Welche Destinationen und Betriebe ECARF zertifiziert sind und somit für Allergiker optimale Bedingungen für einen sorgenfreien bieten können Sie hier erfahren: https://www.deutscher-heilbaederverband.de/qualitaet/allergikerfreundliche-kommune/

Tipp für Allergiker: Testen Sie doch mal die Allergie-App „Husteblume“ der Krankenkasse Die Techniker – Sie begleitet Betroffene durch die Pollen-Saison, liefert nützliche Informationen, stärkt das Selbstmanagement und hilft so die Lebensqualität zu erhöhen.

Fortsetzung: Healing Architecture – „Green Space“ – Die Zusammenführung von Natur und Architektur

Letzte Woche veröffentlichte Zukunftsforscher Andreas Reiter einen Blogbeitrag mit dem Titel „Nervöse Zeiten, blühende Natur“. Unmissverständlich macht er dort klar, dass Menschen mit den heutigen Lebensgewohnheiten in einer digitalen, hektisch und unübersichtlich anmutenden Zeit immer mehr nach sicheren, ruhigen natürlichen Orten verlangen. Orte an „dem er [der Mensch] wieder in Resonanz mit sich und der Welt gelangt“. Das diese Sehnsuchtsorte sich vor allem in Gärten, Parks und Wäldern finden lassen und dadurch zunehmend Bedeutung für primärpräventive Motivationen von Menschen gewinnen steht außer Frage. Doch ist es nicht an der Zeit dieses Verlangen, wenn auch im Kleinen, in den Betonwüsten der Städte umzusetzen – konkret in der gebauten Umwelt, also den Gebäuden, in denen wir uns jeden Tag wiederfinden? Reichen unser Wissen und unsere Möglichkeiten nicht aus, einen Grundsatz zu postulieren der da lautet:

„Architektur hat sich nach den individuellen Bedürfnissen der „Verbraucher“ zu richten?“.

Die Pointe vorweg: Doch, wir können und müssen aus meiner Sicht diesen Anspruch, vor allem im Gesundheitswesen, für uns formulieren!

Dazu gibt es zwei zentrale Herangehensweisen, die aufzeigen, dass Architektur mehr ist, als ein Dach über den Kopf, abgetrennte und funktionale Räumlichkeiten und ein Maximum an Effizienz durch 0815 Standards.

„Verbraucher“ ist aus meiner Sicht zum einen der erkrankte Mensch (physisch wie psychisch), der aufgrund eines chirurgischen Notfalls, einer chronischen oder einer psychiatrischen Erkrankung sein gewohntes Umfeld verlassen musste und sich nun hilfsbedürftig, fast devot und zum Teil aufgrund seiner scheinbaren Hilflosigkeit mit großer Scham in die Obhut ihm unbekannter Menschen geben muss. Leider trifft er in Kliniken meist auf eine anonyme und hektische Umwelt verpackt in immer gleichen sterilen, weißen und beengten „Heil-Batterien“.

Quelle: allmystery.de

Zum anderen ist da der gesunde Mensch beispielsweise in Person des Pflegepersonals, der sich um die Gäste bzw. Patienten kümmert. Die zunehmenden Veränderungen in der Arbeits- und Lebenswelt unserer „Informationsgesellschaft“ rücken Fähigkeiten wie Flexibilität, Kreativität, Kommunikation und soziale Kompetenz wieder stärken in den Mittelpunkt. Gerade bei der Arbeit mit Menschen sind diese Faktoren das A und O und wäre nur genügend Zeit (als die seltenste Ressource der heutigen Zeit), so würde man auch viel stärker auf die Bedürfnisse kranker Menschen eingehen können.    

So oder so – alle diese Menschen vereint eines: die von Zukunftsforscher Reiter beschriebene Sehnsucht nach natürlichen Räumen, nach Sicherheit. Die Gewissheit auf Rückzug (in den „Safe-Space“) sowie der gleichzeitigen Möglichkeit offener Begegnung (Kommunikation und Hilfestellung durch außen).

Entwurf Nickl & Partner Architekten AG, 1. Preis Wettbewerb Neubau des Haunerschen Kinderspitals in München, Eingangsbereich, Quelle: www.nickl-partner.com

Wie man Antworten auf diese Prämissen findet und sie in Architektur übersetzt, das zeigt eindrucksvoll die Arbeit von diversen Architekten. Lichtdurchflutete Innenhöfe als Naturräume mit besonderen Bepflanzungen, Rückzugsorte die sowohl Ruhe und Privatsphäre als auch Begegnung in einem naturnahen Umfeld zulassen. Dabei ist weniger oft mehr. Reizüberflutungen sollten zwingend vermieden werden. Gleichzeitig können gezielte Akzente gesetzt werden, die Kreativität und Fantasie anregen. Ein natürlicher Kontrast eingebettet in die bebaute Umwelt – oder eher: Das Einbetten des Gebauten in den von der Natur gegeben Kontext.

Gute Beispiele aus Gesundheit und Tourismus hierfür sind u.a. Entwürfe im Rahmen des Architektenwettbewerbs für den Neubau des Dr. von Haunersche Kinderspital in München, „The Children’s Hospital“ in Kopenhagen, das „Euphoria Retreat“ in den Hängen des Taygetos-Gebirges in der mittelalterlichen Stadt Mystras (nahe Sparta) auf der Peloponnes in Griechenland, das „Parkroyal on Pickering“-Hotel in Singapur, und viele mehr…

Dass der Einklang mit der Natur positive Wirkungen auf Menschen hat, ist keine neue Errungenschaft oder Wissen der Neuzeit. Englische Gärten als naturbelassene Naherholungsgebiete im Kontrast zu den akut zurechtgestutzten französischen Gärten waren bereits im 18. Jahrhundert in Europa beliebt.

Kurparke in den Heilbädern und Kurorten waren seit jeher als Entspannungs- & Begegnungsorte konzeptioniert. Diesen Transfer nun in Bauwerke zu übernehmen und ein gesundes Wechselspiel zwischen natürlichen Materialien, viel natürliches Licht, Düfte von Blumen und Hölzern und satte natürliche Farben schaffen ein Umfeld, das Menschen einen Ausgleich in diesen „nervösen Zeiten“ bietet – Wir bleiben ruhiger, in Balance, bauen Stress ab und fühlen uns dadurch ausgeglichener und gesünder.  Welche heilenden Kräfte durch einen entsprechend gestalteten Raum freigesetzt werden können und wie man die Psyche des Menschen durch entsprechende Impulse positiv beeinflussen können werde ich in einem späteren Artikel näher beleuchten.

Nervöse Zeiten, blühende Natur

Natur und Gesundheit sind laut Werte-Index 2018 des Marktforschungsunternehmens Kantar TNS die wichtigsten Werte der Deutschen. Auch Zukunftsforscher Andreas Reiter bestätigt in seinem neuen Blog-Beitrag: „In Zeiten zunehmender Unsicherheit und Volatilität sehnt sich der Mensch nach einem Ort, an dem er wieder in Resonanz mit sich und der Welt gelangt.“

Gärten waren zwar schon seit eh und je, seit Beginn der menschlichen Zivilisation, kunstvolle Inszenierungen, begehbare pflanzliche Erzählungen – doch noch nie war dieses kuratierte Staunen derart massenwirksam wie heute. Gärten sind zum Ventil einer hypernervösen Stadtgesellschaft geworden, Sehnsuchts-Orte in einer Welt der Nicht-Orte.

Ob in den Büros der digitalen Dienstleister oder entlang von Häuserfassaden (Vertical Garden), ob auf dem eigenen Balkon oder auf städtischen Freiflächen (Urban Gardening) – wucherndes Grün umschmeichelt die Augen, entlüftet die Seele und entlastet das Mikroklima.

Das große Comeback der Gärten (auch als Destination) ist jedoch eine unmittelbare Reaktion auf die von vielen als stressig und bedrohlich empfundene Digital-Moderne. Die Welt zerfranst, wird ungreifbarer, Grenzen (und damit Haltepunkte) verschwimmen. In Zeiten zunehmender Unsicherheit und Volatilität sehnt sich der Mensch nach einem Ort, an dem er wieder in Resonanz mit sich und der Welt gelangt.

Pflanzen sind die legitimen Drogen der Digital Natives, die Wertschätzung natürlicher Kreisläufe ist quasi ein Grundgesetz. Auf Instagram tummeln sich Plantfluencer, biophile Stores schießen in den westlichen Metropolen aus dem Boden wie einst die Coffee Shops. „Das Naturschöne ist dem Digitalschönen entgegengesetzt“, so der Philosoph Byung-Chul Han.

Immer neue Spielarten der Natur-Erfahrung poppen auf, aktuell etwa das „Waldbaden“, mit dem Touristiker ihre Botanik und Besucherfrequenz neu aufladen möchten. Gerne wird da auf Japan verwiesen, wo das Shinrin-yoku (Waldluftbad) eine traditionelle Freizeitaktivität ist und „Waldmedizin“ ein eigener Forschungszweig an Universitäten. Keine Frage, so ein Wald wirkt entschleunigend: Jeder von uns, der gestresst ist, spürt die Wirkung dieses natürlichen Beruhigungsmittels: Die Stille, die schützenden Baumkronen über uns, der weiche Boden unter den Füßen… Der Geruch der Bäume hüllt uns wohltuend ein, ihre Botenstoffe (Terpene, ätherische Öle etc.) umschmeicheln unser limbisches System. Der Blutdruck sinkt, die Stimmung steigt. Aber deswegen gleich Forest Bathing? Schwachsinn!

Was wirklich wichtig ist (wir beobachten diesen Wertewandel seit längerem), ist das aktive Erfahren und kreative Gestalten von Natur – also eben nicht Baden!, sondern Anfassen, Tun. Pflanzen, Jäten, Schneiden, Ernten. Man will die Welt begreifen und dafür macht man sich nur allzu gerne die Hände schmutzig. „Indem kulturelle Güter nicht nur benutzt, sondern auch erlebt werden, werden sie erinnerbar“, sagt der Soziologe Andreas Reckwitz. Die Lebensenergie entsteht durch Anstrengung.

Der Garten ist gewissermaßen Sinnbild eines evolutionären Wachstums, einzig abhängig von Jahreszeiten und Klima – dieses Werden und Vergehen, Blühen und Verwelken der Natur haben wir Menschen anthropologisch tief in uns eingespeichert. Somit ist der Garten eine natürliche Gegenwelt zum disruptiven Wachstum der digitalen Wirtschaft. In dieser „Anverwandlung von Welt“ (Hartmut Rosa) liegt seine starke Anziehungskraft – insbesondere in Zeiten digitaler Transformation.

Gärten sind, konsumanthropologisch gesprochen, Orte der kulturellen Verfeinerung. Sie sind performative Orte (also dann doch wieder irgendwie kapitalistische Abbilder). Im Garten des frühen 21. Jahrhunderts verschränken sich etliche Motive:

  • Die Rache des Analogen: Der Gärtner macht sich, die Ärmel hochgekrempelt, die Welt wieder begreiflich. Ja, er wird handgreiflich, wühlt in der Erde, geht der Sache auf den Grund. Symbolisch stehen Gärten für menschliche Kreation, für die Sehnsucht nach evolutionärem Wachstum, einem Gebilde, das keinem Algorithmus, sondern einzig den Launen der Natur (Wind und Wetter) ausgesetzt ist.
  • Die kuratierte Natur: mit einem Masterplan wird das Natur-Schöne ent- und die Natur unterworfen, einem natürlichen Display gleich, mit passenden Features. Alles Negative wird ausgeblendet (Trockenheit, Unwetter) – die Natur hat als Wohlfühl-Oase und Paradies on demand zu funktionieren.
  • Convenient Nature: Gartenarbeit ist mühsam, die Zeit des Gärtners meist begrenzt. Daher sind Convenience-Produkte wie wasserspeichernde Blumenerde gefragt oder ein langsam wachsender Rasen, der eine zu intensive Pflege erspart. Wie gut, dass es Wetter-Apps und Überwachungsdrohnen gibt.

(Hobby-)Gärtner wissen es längst: gutes Leben ist schönes Leben. Die ästhetische Ausgestaltung des eigenen Lebens findet im Garten ihre äußerste Fortsetzung. Flower up your life. Oder, wie es ein Werbeclaim formuliert: „Mach es zu deinem Projekt.“

Reisen als Resonanzerfahrungen – Stiften und Finden von Sinn im Urlaub

„Die Suche nach einem Sinn des eigenen Lebens
ist die grundlegende Sorge des Menschen.“
Viktor E. Frankl (1905-1997)
 
„Resonanz ist die Grundsehnsucht
nach einer Welt, die einem antwortet.“
Hartmut Rosa

Menschen verlernen es augenscheinlich, mit Unsicherheiten, Mehrdeutigkeiten und Widersprüchen umzugehen oder mit sich selbst und der Umwelt in einem befriedigenden Austausch zu leben. Viele fühlen sich zunehmend herausgefordert und isoliert. „Die Welt antwortet ihnen nicht mehr“, meint der Soziologe Hartmut Rosa angesichts dieser Phänomene in seinem Buch über Resonanz[i]. Rosa liefert mit seiner Soziologie der Weltbeziehung auch interessante Perspektiven für eine inhaltliche Beschäftigung mit Fragen der Sinnorientierung und präventiven Gesundheitsförderung im Urlaub.

Resonanz als Verbindung mit der Welt

Für den Soziologen ist Resonanz das Gegenmittel zu einer allgemeinen Entfremdung, sie ist der aktive Kommunikationsstrang, der den Menschen mit der Welt verbindet. Resonanz führt zur Entwicklung eines stabilen Ichs. Angesichts der Entscheidungsoptionen und der gegenläufigen Weltbilder einer fluiden, kulturell und religiös globalisierten (Arbeits-)Welt kann nur eine innere Stabilität einen entsprechenden Ausgleich schaffen.

Resonanz aus Begegnungen mit Kunst, Natur oder Religion

Und so scheint es eigentlich für Menschen nur eine Perspektive zu geben: die Suche nach Resonanz, die Vermittlung und das Erlebnis von Resonanz, und zwar durch Begegnungen mit Kunst, Natur oder Religion, dann „wenn die Welt zu ihnen spricht“. „Resonanz braucht Zeit und eine gewisse Ungestörtheit“. Die einen finden Resonanzräume „in der Kunst, beim Malen, Dichten oder Musizieren. (…) Andere zieht es in die Natur. Sie gehen in den Wald, in die Berge oder ans Meer und fühlen sich dort auf besondere Weise berührt“ – führt Rosa 2014 in einem Interview[ii] aus. So empfehlen sich Reisen regelrecht als Resonanzräume: „Menschen sehnen sich nach Orten und Zeiten, an denen sie einmal nicht unter Optimierungsdruck stehen. Wenn Fremdenverkehrsregionen versuchen, auf solche Weise Resonanzoasen oder Möglichkeiten für alternative Formen des In-Beziehung-Tretens zur Welt schaffen, dann ist dagegen eigentlich nichts einzuwenden.“ Resonanz lässt sich jedoch nicht erzwingen.

Voraussetzungen für eine erfolgreiche Resonanz

Rosa nennt Voraussetzungen für eine erfolgreiche Resonanz, die der Reisende erfüllen muss: „Wenn ich mit etwas in Resonanz treten will, muss ich mich so auf einen Berg oder ein Dorf oder einen Menschen einlassen, dass sie mich zu verwandeln vermögen, so dass sie bedeutsam für mich werden. Menschen fühlen, dass die Berge ihnen etwas zu sagen haben, und indem sie ihrem Ruf antworten, fühlen sie sich lebendig.“ In einem Interview mit Dagmar Weidinger (2018) [iii] führt Rosa weiter aus: „Tatsächlich kann auch ein Ort, etwa ein Dorf, selbst zu einer Resonanzquelle werden, dann nämlich, wenn Häuser und Almen, Kirche und Bäume, Gipfel und Wege in einem ‚Antwortverhältnis‘ zueinanderstehen, wenn sie nicht als Einzelobjekte, sondern als resonierendes Ensemble wahrgenommen werden“. Menschen erfahren im Verständnis Rosas ihr Leben dann als sinnvoll, wenn sie sich mit anderen, mit ihrer Arbeit, mit ihrer Umgebung – lebendig verbunden fühlen, wenn sie „Resonanz erleben und die Welt zu ihnen spricht“.

Schlüssel zum Verständnis

Die (soziologische) Sichtweise Rosas liefert einen Schlüssel zum Verständnis der Wirklichkeit und öffnet einen besonderen Blick auf den Wert des Reisens, auf die Themen Sinnsuche, Wohlbefinden oder präventive, gesundheitsfördernde Lebenswelten im Tourismus. Die Sehnsucht nach Balance, Spiritualität, die Suche nach Sinn oder „Reisen zum Ich“ steht als wichtiges Motivbündel für den Urlaub. In besonderer Weise gewährt er die zeitlichen Voraussetzungen wie Möglichkeiten und auch die entsprechenden Erfahrungsfelder für Ruhe, Unterbrechungen und Rückzug. Dabei ist der Aspekt „etwas für die Gesundheit tun“ besonders wichtig.  In seiner Bedeutung wird Gesundheit in den letzten Jahren zunehmend gleichgesetzt mit dem Bild von einem guten Leben. Gesundheit zählt im Werte-Index der Deutschen[iv] zu den wichtigsten Werten.

Reisen öffnet Sinnfenster. Der Weg zum Ich

Auf den Wunsch nach Stille, nach Entschleunigung oder auf die Suche nach Sinn antworten zahlreiche touristische Angebote. Sie werden zum Beispiel Schlafstrandkörbe als „Glückserlebnis“ im Rahmen der landesweiten Imagekampagne „Das ist Glück“ der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein[v] angeboten. In Bayern lassen sich mit „stade-zeiten“[vi] entspannte Tage, stille Momente oder spirituelle Auszeiten hinter Klostermauern und auf Pilgerwegen „inmitten der schönsten Landschaften“ erleben. Das Netzwerk „Wege zum Leben. In Südwestfalen.“ erschließt, nicht ohne die Bedürfnislagen der „Menschen in der postmodernen Gesellschaft“ skizziert zu haben, das spirituelle Potenzial der Region. Bewohnerinnen, Bewohner und Gäste werden in eine Kulturlandschaft geführt, die reichhaltig durch Kirchen, Bildstöcke und durch andere Formen christlicher Symbolik gekennzeichnet ist, an Landschaftsgrenzen, an Plätze mit beeindruckenden Ausblicken und symbolhafte Landschaftselemente wie Berggipfel,

Meditationsweg Ammergauer Alpen  (Quelle: (c) Anton Brey)

Orte in der Natur.[vii] Oder der Meditationsweg Ammergauer Alpen[viii] führt an Kraftorte, „die Sie einladen, Ihren Geist auf Reisen zu schicken“.  Der Weg lädt ein, in die Geschichte einzutauchen und sich selbst mit jedem Schritt näherzukommen. „In der Gleichmäßigkeit des Gehens finden Sie auf dem Meditationsweg zu innerer Ruhe, schalten vom Alltag ab und sind nur Sie selbst.“ Südtirol Balance[ix] fordert dazu auf, den Alltag loszulassen, zur Ruhe zu kommen, an Kraftplätzen neue Energie zu sammeln. „Spüren Sie bei einem Spaziergang über die Bergwiesen oder im kristallklaren Wasser eines Gebirgsbachs Ihren inneren Rhythmus.“ Und nicht zu vergessen das Waldbaden: Waldbaden, die naturbezogene Praxis, die darauf ausgerichtet ist, Stress zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu stärken: „Die Heilkräfte der Natur – Schritt für Schritt zur inneren Mitte.“[x

Nicht nur Urlauber, sondern auch Geschäftsreisende scheinen verstärkt auf der Suche nach Angeboten zur Entspannung und Kontemplation an Transit-Orten und im Reisemittel selbst zu sein. Im Tourismusreport 2015[xi] skizzieren Kirig und Eckes ein verändertes Unterwegssein und beschreiben eine neue Sehnsucht der Geschäftsreisenden nach innerer Stille.

Mehr Unternehmenskultur

Der Blick auf die Gesundheit wird zwar immer ganzheitlicher. In der touristischen Arbeitswelt selbst zeichnen sich Veränderungen ab, wenn auch erst langsam und sehr vereinzelt. Für Arbeitgeber heißt das, Stressfaktoren innerhalb des eigenen Unternehmens ernst zu nehmen und dafür zu sorgen, dass sich die Mitarbeiter in gesunden Rahmenbedingungen bewegen können. Als Wegbereiter für eine wertschätzende Unternehmenskultur gilt der Hotel-Unternehmer Bodo Janssen. Der Upstalsboom-Weg skizziert den Wandel von einem wirtschaftlich geprägten Unternehmen zu einem menschen- und werteorientierten Unternehmen.

Der Upstalsboom-Weg

Die Maxime des Unternehmers Bodo Janssens[xii] lautet: die Wertschätzung des Menschen und die Inwertsetzung seiner Begabungen und Talente führt zu mehr Innovation und Einsatzbereitschaft, da Mitarbeitende wieder einen Sinn sowohl in ihrer Arbeit als auch in ihrem Leben sehen. Janssen hat nach einschneidenden persönlichen Erfahrungen und grundlegendem Nachdenken, mit welchem Wertegerüst, mit welchem Sinn und Zweck er sein Unternehmen steuern möchte, ein wegweisendes Beispiel dafür geliefert, wie menschenzentrierte Führung, Selbstorganisation, Vertrauen und Achtsamkeit umgesetzt werden können. Sein Weg führte in u.a. in ein Kloster. Das unternehmerische Konzept ist inzwischen differenziert ausgestaltet. Neben der Anwendung im eigenen Unternehmen wird es als Beratungskonzept in „Upstalsboom-Werkstätten“ vermittelt. Ein abgestuftes Konzept stellt die Grundsäulen der gelebten Philosophie und die praktische Umsetzung des „Upstalsboom Weges“ vor. Besonderes Merkmal dieser „Werkstätten“ sind die persönlichen Erfahrungsberichte von Upstalsboomern: Ein Film, Veröffentlichungen oder Berichte von „Upstalsboomern on Tour“ verstehen sich als einführender Impuls. Basisinformationen liefern „Upstalsboom Unplugged“ (eine Werkstatt von und mit den „Upstalsboomern“) und die „Kulturwerkstatt“ zusammen mit Upstalsboomern auf einer Lernreise, um den Wandel im eigenen Unternehmen aktiv zu gestalten.

Der Upstalsboom-Weg (Quelle: https://www.der-upstalsboom-weg.de/)

Die Vertiefung des Upstalsboom-Weges

Das Konzept wird mit den folgenden Elementen weitergegeben:

1. „Das Upstalsboom Curriculum“: Es umfasst insgesamt sechs Module, die Teilnehmende mitnehmen „auf eine persönliche und unternehmerische Entwicklungsreise, eine Reise im Spannungsfeld der Regel des hl. Benedikt bis hin zu den neuesten Erkenntnissen der Gehirnforschung und positiven Psychologie. In unserem Curriculum geht es nicht um deine Position, Funktion, oder deinen Status im Unternehmen, sondern um dich als Menschen.“

2. „Der Upstalsboom Weg ins Kloster“: „Und nur, wer zu sich selbst eine gelingende Beziehung hat, kann auch gelingende Beziehungen zu anderen gestalten. Eine Zeit im Kloster ist ein Weg, die Beziehung zu sich selbst zu stärken.“

3. Das „Kultursightseeing“ lädt ein, in Upstalsboom Betrieben zusammen mit Upstalsboomern, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und intensiv nachzuforschen.

4. In der Entwicklungswerkstatt treffen sich zweimal im Jahr Upstalsboomer, Gäste, Interessierte und andere Wegbegleiter und arbeiten gemeinsam an den aktuellen Themen des Upstalsboom Weges. Für die Weiterentwicklung der Upstalsboom Kultur muss man sich bewerben.

5. Die „Klosterkurse Team Benedikt“ vermitteln Führungsbewusstsein und Formen der Inspiration des Teams. Bodo Janssen zeigt praktisch und konkret, wie er die Zufriedenheit der Mitarbeiter und die der Gäste erhöhen konnte.

Wertschaffende Entwicklungen

Für die nächsten Jahren sind weitere (touristische) Angebote mit einer ausgeprägten Erfahrungskultur an den Schnittstellen von Selbstveränderung, neuer Religiosität oder Natursehnsüchten zu erwarten, die dem Leben (einen neuen, einen eigenen) Sinn verleihen sollen. Denn gerade Reisen und Unterwegssein bieten für Sinnerlebnisse und Transformationsprozesse den notwendigen Raum, die erforderliche Erfahrungskultur und entsprechende Zugänge zu professionellen Strukturen. Die Veränderungspotentiale des Reisens werden intensiver anerkannt und vermehrt in den Blick genommen (und auch differenzierter analysiert werden müssen). So erhält Reisen eine neue Wertigkeit.


[i] Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin 20175

[ii] Rosa, Hartmut: Hier kann ich ganz sein, wie ich bin. Warum wir am glücklichsten sind, wenn wir mit anderen mitschwingen können. (Ein Gespräch mit Hartmut Rosa. Interview: Ulrich Schnabel). Die Zeit vom 28. August 2014. https://www.zeit.de/2014/34/hartmut-rosa-ich-gefuehl

[iii] Weidinger, Dagmar: Ensembles wahrnehmen. Gespräch mit Hartmut Rosa. In: augustin, 463 (2018), Seite 21.

[iv] Wippermann, Peter und Jens Krüger (Hrsg.): Werte-Index 2018. Frankfurt 2017; Kantartns Presseinformation vom 20.11.2017: Werte-Index 2018: Natur und Familie sind den Deutschen jetzt wichtiger. Freiheit und Erfolg werden zur Nebensache https://www.kantartns.de/presse/presseinformation.asp?prID=3609 [15.4.2019]

[v] https://blog.sh-tourismus.de/blog/schlafstrandkorb; https://www.sh-tourismus.de/urlaubswelten/gluecksmomente [15.4.2019]

[vi] https://www.bayern.by/erlebnisse/stade-zeiten/ [15.4.2019]

[vii] https://www.wege-zum-leben.com/netzwerk-wege-zum-leben/hintergrund/ [15.4.2019]

[viii] https://www.meditationsweg.bayern/brennendesherz-ammergau/Der-Weg2/Meditationsweg-Ammergauer-Alpen [15.4.2019]

[ix] IDM Südtirol (Hrsg.): Grundlagenpapier „Entspannen & Wohlfühlen“. Bozen 2016; https://www.suedtirol.info/de/erleben/wellness-entspannung/suedtirol-balance [15.4.2019]

[x] https://www.bayern.by/wald/botschafter/waldbaden/

[xi] Kirig, Anja und Susanne Eckes, : Tourismusreport 2015. Frankfurt 2014, S. 77-78.

[xii] https://www.die-upstalsboom-werkstatt.de/ [15.4.2019]; https://www.der-upstalsboom-weg.de/ [15.4.2019]

Was Nicecream, Flexitarier und Heidelbeeren gemeinsam haben…

Megatrends wie Individualisierung oder Gesundheit treiben die Entwicklungen auf dem Food Market und unserer Essenskultur. Das kontinuierlich wachsende Angebot an Superfoods, Lebensmitteln mit Bio-Qualität in unseren Supermärkten, Fastenmethoden und unzählige Gesundheitsratgeber im Netz, TV aber auch in diversen Themenmagazinen und Zeitschriften zeigt: das Interesse an einem gesunden Lebensstil, insbesondere bewusster und gesunder Ernährung wächst stetig.

Ernährungsphilosophien werden wichtiger denn je

Schon Sebastian Kneipp (1821-1897) legte großen Wert auf gesunde Ernährung und integrierte Ernährung in seiner ganzheitlichen Philosophie. Auch Johan Schroth (1798-1856) wies der Ernährung eine wichtige Rolle in seinem Naturheilverfahren zu. Entsprechend ist die Schroth’sche Diät eines von vier Elementen im Heilverfahren und gleichzeitig auch das Herzstück der Schrothkur. 

Superfoods wie Acai-oder Heidelbeeren, Chiasamen und Haferflocken werden eine Vielzahl gesundheitsfördernder Merkmale zugeschrieben. Die Wirkungen der einzelnen Beeren, Früchte und Samen ist jedoch fraglich und oftmals heiß diskutiert. Die Verbraucherzentrale (2018, www.verbraucherzentrale.de) bezieht klar Stellung: „Superfoods zeichnen sich meist durch einen hohen Gehalt an Inhaltsstoffen aus. Ein gesundheitlicher Mehrwert im Vergleich mit der Vielzahl heimischer Gemüse und Früchte ist nicht gegeben“.

(Quelle: pixabay)

Doch was haben nun also Nicecream, Flexitarier und Heidelbeeren gemeinsam? Sie alle prägen das Ernährungsbewusstsein und den Lebensstil unserer Gesellschaft – natürlich auch im Urlaub!

Ernährung spielt in allen vier Zugängen zum Gesundheitstourismus (siehe Blogbeitrag 02.01.2019) eine wichtige Rolle. Egal ob Urlaub mit gesundheitlichem Mehrwert, zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, für Chroniker oder Urlaub aus medizinisch-therapeutischen Gründen – Ernährung begleitet uns täglich und in jeder Lebenssituation. Entsprechend gibt es auch eine Vielzahl an Urlaubsdestinationen und touristischen Einrichtungen, die gesundheitsorientierte Angebote und Produkte rund um das Thema Ernährung fokussieren oder sich auch thematisch profilieren und positionieren.

Ernährung als Profilthema

Scheidegg profiliert sich beispielsweise als Paradies für Zöliakiepatienten (Gluten-Unverträglichkeit). Aber nicht nur Patienten profitieren, sondern auch viele weitere Gäste, die bewusst auf Gluten verzichten. Scheidegg geht damit konkret auf eine Zielgruppe und Indikation ein und greift gleichzeitig eine Entwicklung auf, denn immerhin ernähren sich in Deutschland zirka 10 % der nicht betroffenen Menschen glutenfrei.

Weitere Urlaubdestinationen, insbesondere auch die deutschen Kurorte und Heilbäder, entwickeln kontinuierlich Produkte und Angebote. Sie bedienen damit nicht nur die Bedürfnisse und Anforderungen von gesundheitsbewussten Gästen und Gästen mit unterschiedlichsten Indikationen, sondern vermitteln Unwissenden und Interessierten Wissen und Bewusstsein für gesunde Ernährung und sensibilisieren als Kompetenzzentrum für Gesundheit.

Du bist was du isst – genießen erlaubt!

Gesunde Ernährung und ein ernährungsbewusster Lebensstil machen Spaß, denn Essen macht glücklich und gleichzeitig fit. Insbesondere im Urlaub oder auf Reisen, wenn wir für eine gewisse Zeit unser gewohntes Umfeld verlassen, dem Alltag entfliehen, Stress abbauen, Freizeit haben und Energie tanken. Damit meinen wir aber nicht den Verzehr von vermeintlichem Soulfood wie Schokolade, die bei vielen von uns Glücksgefühle auslöst, sondern vielmehr den bewussten Umgang mit, die Verarbeitung und der Verzehr von natürlichen, regionalen Lebensmitteln und eine gesunde Esskultur, bei der Genuss, Wohlbefinden und Freude gemeinsam an erster Stelle stehen.

Achtet Ihr auf Eure Ernährung und habt Ihr schonmal eine Reise zum Schwerpunktthema Ernährung unternommen?

„Healing Architecture“: Raumpsychologie – Die Kunst gesundheitsfördernder Atmosphäre

Öffentliche Plätze, Attraktionen, Touch-Points, Verweilorte, private Häuser, und Zimmer – Sie alle haben eines gemeinsam: Menschen wollen sich dort wohlfühlen! Innerhalb der eigenen vier Wände kann man individuell nach seinen Bedürfnissen für ein warmes, ja heimisches Gefühl sorgen. Einrichtungen wie Krankenhäusern, Therapie-, SPA- und Wellnesseinrichtungen kommt genau hier eine zentrale Verantwortung zu: „Wohlbefinden“ stellt eine zentrale Voraussetzung für den Heilungs- & Genesungsprozess dar. Doch wieso fühlt man sich eigentlich irgendwo wohl?    

Wenn wir uns im Tourismus über die bauliche Optimierung unterschiedlichster Orte unterhalten, so sprechen wir automatisch über die Schaffung einer sogenannten „Wohlfühlatmosphäre“.  Wir alle wissen was gemeint ist – und wenn wir ehrlich sind, dann hoffen wir eigentlich auf einen Architekten, der uns ein „Rendering“ präsentiert, bei dem wir sagen können: „Ja! Hier fühle ich mich wohl!“. Und sind wir noch ehrlicher: Die Anzahl an Kliniken und weiteren medizinisch-therapeutischen Einrichtungen in den wir genau das sagen können ist gering. Viele von uns kennen es: Egal ob als Angehöriger oder als Patient, wir suchen schnellstmöglich einen Weg aus den Betonfesseln dieser einengenden, sterilen Einöde.

(Quelle: pixabay)

Laut Duden ist wohl fühlen „sich in seinem Wohlbefinden durch nichts beeinträchtigt fühlen“. Spätestens hier wird klar, wir diskutieren hier viel mehr über ein emotionales und psychologisches Thema und weniger über ein geometrisch-architektonisches.

Paradigmenwechsel: Von der Pathogenese zur Salutogenese

Die Gegenwart im deutschen Gesundheitssystem ist von der Pathogenese, der Entstehung von Krankheit und dem Entgegenwirken, geprägt. Die Zukunft orientiert sich an der Salutogenese, der Entstehung von Gesundheit. Das Konzept beschreibt Kräfte, die dem Menschen helfen, Gesundheit zu entwickeln und ihr Modell beantwortet die Fragen „Wer wird krank? Und „Wer bleibt gesund?“. Danach bleiben Individuen und Gruppen auch unter hohen Belastungen eher gesund, wenn sie ein in drei Dimensionen beschreibbares Grundvertrauen haben: „Verstehbarkeit“, „Machbarkeit“, „Bedeutsamkeit“. Diese bilden zusammen den Kohärenzsinn, in einer verstehbaren, beeinflussbaren und sinnstiftenden Welt zu leben. Je größer dieser bei Menschen ist, umso größer ist in der Regel ihre Fähigkeit, gesundheitliche Belastungen auszuhalten, ohne krank zu werden.

Healing Architecture: Die Kunst gesundheitsfördernde Atmosphäre zu schaffen

Dieses Wissen nun in die (Innen-)Architektur zu übersetzen ist die Kunst der „Healing Architecture“ – eine Schule die bereits Roger Ulrich in den 80er Jahren entwickelte und nun von Koryphäen wie beispielsweise Christine Nickl-Weller weiterentwickelt werden. Welche Bedeutung die Architektur für einzelne gesundheitstouristisch relevante Einrichtungen hat, welche Anforderungen gestellt werden und erfüllt werden müssen und welche Wirkung die Architektur hat, erfahren Sie in den nächsten Artikeln.

In der täglichen Arbeit mit unseren Kunden, bei denen es viel mehr um die Optimierung bestehender Strukturen als die Konzeption von Neubauten geht, konzentrieren wir uns im ersten Schritt darauf, eine Balance der folgenden vier Säulen der Raumpsychologie zu vermitteln und dann Schritt für Schritt umzusetzen:

Licht – Farbe – Duft – Klang

Diese sind wesentlich in der Lage die Botschaft „Wohlbefinden“ an den Gast zu vermitteln – ein Erlebnis für alle Sinne! Dabei muss an die Stelle des Objektdesigns zunehmend das „Design der Wahrnehmung“ und des „Erlebens“ treten. Es gilt also: je authentischer, dabei (multi-)funktionaler gestaltet und weniger thematisiert bzw. überfrachtet. Ein solcher Ort ist umso vielfältiger, freier, kreativer und letztendlich auch wirtschaftlicher. Weniger ist hierbei mehr, zu viele Gegenstände belasten und lenken ab. Nur natürliche Materialien werden als lebendig und gleichzeitig beruhigend empfunden.

Wenn sich hierbei alle vier Sphären harmonisch ineinanderfügen, dann und nur dann wird aus einem Ort ein einzigartiger Ort, an dem eine „Wohlfühlatmosphäre“ erfahren werden kann, an dem man sich wohl fühlt und auch noch nachhaltig das Wohlbefinden durch „warme Erinnerungen“ an die Aura des Ortes gefördert wird.

Bad Salzuflen: Digitalster Kurort Deutschlands?!

Seit einigen Jahren ist der Megatrend Digitalisierung auch aus der Tourismusbranche nicht mehr wegzudenken. Doch was bedeutet das eigentlich für Kurorte und Heilbäder in der Praxis? Und wie können sie Digitalisierung sinnvoll für sich nutzen und umsetzen?

Das im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe gelegene Staatsbad Salzuflen macht’s vor: Digitalisierung wird hier großgeschrieben. Kurdirektor und Geschäftsführer der Staatsbad Salzuflen GmbH Stefan Krieger hat das Ziel „Bad Salzuflen zum digitalsten Kurort Deutschlands“ zu machen. Grundlage hierfür bildet die digitale Kurkarte mit u.a. der Aufbuchungsmöglichkeit von Erlebnissen, dem Produktkauf und der dazu korrespondierende digitale Gesamtauftritt mit Homepage und Buchungsplattform sowie die gezielte Bespielung relevanter Social-Media-Kanäle. Die Umsetzung läuft bis zur Saisoneröffnung auf Hochtouren und ermöglicht entlang der Customer Journey von der Inspiration über die Information bis zur Buchung und die Anreise eine digitale Durchgängigkeit.


Kurpark Bad Salzuflen © feratel.com

Damit der Gast aber auch vor Ort ein „digitales Erlebnis“ erfährt, werden ihm bereits heute schon an ausgewählten Plätzen in der Stadt auf Anforderung an digitalen Hörstationen authentische Geschichten über die Entwicklung der Stadt „erzählt“ und Verweise auf weitere (künftige) Erlebnispunkte gegeben. Ab Sommer/ Herbst 2019 wird der digital gestützte Erlebnisraum der Gesundheits- und Tourismusstadt durch die Eröffnung der „Erlebniswelt Sole & Kneipp“ in Kurpark und Wandelhalle ergänzt. Durch eine Kombination von digitalen und analogen Elementen mit interaktiv nutzbarem Content, werden die örtlichen Prädikate Sole und Kneipp auf einzigartige und innovative Weise für jeden erlebbar. Den Zugang und die Nutzung der Stationen ermöglicht wiederum die digitale Kurkarte.

Das Herzstück bilden dabei laut Herrn Kurdirektor Krieger Glaspavillons als sogenannte „Sekundärarchitektur“ mit interaktiver und vertiefter Wissensvermittlung durch eine abwechslungsreiche Szenographie. Im Mittelpunkt für den Gast stehen dabei Geschichten und Wissenswertes zu den Prädikaten Sole und Kneipp, dem Aspekt Gesundheitsförderung und was man dafür in der Stadt alles machen kann und der Bad Salzufler Geschichte als Gesundheitsstadt im Wandel der Zeit. Diese Pavillons befinden sich sowohl in der Wandelhalle als auch im Kurpark sowie künftig an weiteren Orten der Stadt als wiederkehrendes Erkennungsmerkmal.

Impressionen: Glaspavillons als Sekundärarchitektur © Gunter Thurner

Hier ein paar Ausschnitte aus den in Umsetzung befindlichen Angeboten der Erlebniswelt Sole & Kneipp zur Veranschaulichung: Im sogenannten Gesundheitspavillon etwa erwarten die Besucher gleich mehrere innovative Highlights wie beispielsweise das mit einer App verknüpfte Laufband, welches den Nutzer mittels Tablet-Navigation in verschiedene virtuelle Laufumgebungen versetzt; oder aber der interaktive Avatar, der mittels Finger-Sensorik Körperfunktionen wie Herzschlag und Blutkreislauf sichtbar werden lässt. In der Brunnenhalle können Besucher nicht nur das Wasser des wieder in Gang gesetzten Trinkbrunnens probieren, sondern auch verschiedenste „Weltwässer“, zu denen sie sich per Touchscreen Informationen einholen und diese sogar per Knopfdruck nach Hause liefern lassen können. Vorgesehen ist auch eine „digitale Bibliothek“, die immer weiterwachsen wird.

Impressionen: Wandelhalle Bad Salzuflen © Gunter Thurner

Nicht nur Bad Salzuflen nutzt die Möglichkeiten der Digitalisierung und gestaltet den digitalen Wandel im Tourismus aktiv mit. Weitere Kurorte in der Region beabsichtigen nun bereits dazu korrespondierende Konzepte zur Inwertsetzung und Erlebbarkeit ihrer Heilmittel und zum Storytelling umzusetzen, um den „Heilgarten Deutschlands“ in Ostwestfalen-Lippe für alle Generationen noch attraktiver zu gestalten. Damit kommt Bad Salzuflen eindeutig eine Vorreiterrolle zu, die sicherlich noch mehr „Follower“ erreichen wird. Aus Sicht der Autoren befindet sich Bad Salzuflen auf einem guten Weg zum digitalsten Kurort in Deutschland, der gleichzeitig aber auch haptische und analoge Erlebnisse zum Weitererzählen bietet und damit künftig verschiedenste Zielgruppen zu allen Jahreszeiten erreicht. Im nächsten Schritt sollen für die gesundheitstouristischen Anwendungen am Gast bzw. Patienten sogenannte „digitale Assistenzsysteme“ und auch „Chatbots“ eingesetzt werden, wozu bereits Kooperationen mit Hochschulen und den Kliniken laufen. Auch die digitale Nachbetreuung der Gäste ist angedacht, um die digitale Customer Journey abzurunden.   

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