Nervöse Zeiten, blühende Natur

Natur und Gesundheit sind laut Werte-Index 2018 des Marktforschungsunternehmens Kantar TNS die wichtigsten Werte der Deutschen. Auch Zukunftsforscher Andreas Reiter bestätigt in seinem neuen Blog-Beitrag: „In Zeiten zunehmender Unsicherheit und[…] weiterlesen

Reisen als Resonanzerfahrungen – Stiften und Finden von Sinn im Urlaub

„Die Suche nach einem Sinn des eigenen Lebens
ist die grundlegende Sorge des Menschen.“
Viktor E. Frankl (1905-1997)
 
„Resonanz ist die Grundsehnsucht
nach einer Welt, die einem antwortet.“
Hartmut Rosa

Menschen verlernen es augenscheinlich, mit Unsicherheiten, Mehrdeutigkeiten und Widersprüchen umzugehen oder mit sich selbst und der Umwelt in einem befriedigenden Austausch zu leben. Viele fühlen sich zunehmend herausgefordert und isoliert. „Die Welt antwortet ihnen nicht mehr“, meint der Soziologe Hartmut Rosa angesichts dieser Phänomene in seinem Buch über Resonanz[i]. Rosa liefert mit seiner Soziologie der Weltbeziehung auch interessante Perspektiven für eine inhaltliche Beschäftigung mit Fragen der Sinnorientierung und präventiven Gesundheitsförderung im Urlaub.

Resonanz als Verbindung mit der Welt

Für den Soziologen ist Resonanz das Gegenmittel zu einer allgemeinen Entfremdung, sie ist der aktive Kommunikationsstrang, der den Menschen mit der Welt verbindet. Resonanz führt zur Entwicklung eines stabilen Ichs. Angesichts der Entscheidungsoptionen und der gegenläufigen Weltbilder einer fluiden, kulturell und religiös globalisierten (Arbeits-)Welt kann nur eine innere Stabilität einen entsprechenden Ausgleich schaffen.

Resonanz aus Begegnungen mit Kunst, Natur oder Religion

Und so scheint es eigentlich für Menschen nur eine Perspektive zu geben: die Suche nach Resonanz, die Vermittlung und das Erlebnis von Resonanz, und zwar durch Begegnungen mit Kunst, Natur oder Religion, dann „wenn die Welt zu ihnen spricht“. „Resonanz braucht Zeit und eine gewisse Ungestörtheit“. Die einen finden Resonanzräume „in der Kunst, beim Malen, Dichten oder Musizieren. (…) Andere zieht es in die Natur. Sie gehen in den Wald, in die Berge oder ans Meer und fühlen sich dort auf besondere Weise berührt“ – führt Rosa 2014 in einem Interview[ii] aus. So empfehlen sich Reisen regelrecht als Resonanzräume: „Menschen sehnen sich nach Orten und Zeiten, an denen sie einmal nicht unter Optimierungsdruck stehen. Wenn Fremdenverkehrsregionen versuchen, auf solche Weise Resonanzoasen oder Möglichkeiten für alternative Formen des In-Beziehung-Tretens zur Welt schaffen, dann ist dagegen eigentlich nichts einzuwenden.“ Resonanz lässt sich jedoch nicht erzwingen.

Voraussetzungen für eine erfolgreiche Resonanz

Rosa nennt Voraussetzungen für eine erfolgreiche Resonanz, die der Reisende erfüllen muss: „Wenn ich mit etwas in Resonanz treten will, muss ich mich so auf einen Berg oder ein Dorf oder einen Menschen einlassen, dass sie mich zu verwandeln vermögen, so dass sie bedeutsam für mich werden. Menschen fühlen, dass die Berge ihnen etwas zu sagen haben, und indem sie ihrem Ruf antworten, fühlen sie sich lebendig.“ In einem Interview mit Dagmar Weidinger (2018) [iii] führt Rosa weiter aus: „Tatsächlich kann auch ein Ort, etwa ein Dorf, selbst zu einer Resonanzquelle werden, dann nämlich, wenn Häuser und Almen, Kirche und Bäume, Gipfel und Wege in einem ‚Antwortverhältnis‘ zueinanderstehen, wenn sie nicht als Einzelobjekte, sondern als resonierendes Ensemble wahrgenommen werden“. Menschen erfahren im Verständnis Rosas ihr Leben dann als sinnvoll, wenn sie sich mit anderen, mit ihrer Arbeit, mit ihrer Umgebung – lebendig verbunden fühlen, wenn sie „Resonanz erleben und die Welt zu ihnen spricht“.

Schlüssel zum Verständnis

Die (soziologische) Sichtweise Rosas liefert einen Schlüssel zum Verständnis der Wirklichkeit und öffnet einen besonderen Blick auf den Wert des Reisens, auf die Themen Sinnsuche, Wohlbefinden oder präventive, gesundheitsfördernde Lebenswelten im Tourismus. Die Sehnsucht nach Balance, Spiritualität, die Suche nach Sinn oder „Reisen zum Ich“ steht als wichtiges Motivbündel für den Urlaub. In besonderer Weise gewährt er die zeitlichen Voraussetzungen wie Möglichkeiten und auch die entsprechenden Erfahrungsfelder für Ruhe, Unterbrechungen und Rückzug. Dabei ist der Aspekt „etwas für die Gesundheit tun“ besonders wichtig.  In seiner Bedeutung wird Gesundheit in den letzten Jahren zunehmend gleichgesetzt mit dem Bild von einem guten Leben. Gesundheit zählt im Werte-Index der Deutschen[iv] zu den wichtigsten Werten.

Reisen öffnet Sinnfenster. Der Weg zum Ich

Auf den Wunsch nach Stille, nach Entschleunigung oder auf die Suche nach Sinn antworten zahlreiche touristische Angebote. Sie werden zum Beispiel Schlafstrandkörbe als „Glückserlebnis“ im Rahmen der landesweiten Imagekampagne „Das ist Glück“ der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein[v] angeboten. In Bayern lassen sich mit „stade-zeiten“[vi] entspannte Tage, stille Momente oder spirituelle Auszeiten hinter Klostermauern und auf Pilgerwegen „inmitten der schönsten Landschaften“ erleben. Das Netzwerk „Wege zum Leben. In Südwestfalen.“ erschließt, nicht ohne die Bedürfnislagen der „Menschen in der postmodernen Gesellschaft“ skizziert zu haben, das spirituelle Potenzial der Region. Bewohnerinnen, Bewohner und Gäste werden in eine Kulturlandschaft geführt, die reichhaltig durch Kirchen, Bildstöcke und durch andere Formen christlicher Symbolik gekennzeichnet ist, an Landschaftsgrenzen, an Plätze mit beeindruckenden Ausblicken und symbolhafte Landschaftselemente wie Berggipfel,

Meditationsweg Ammergauer Alpen  (Quelle: (c) Anton Brey)

Orte in der Natur.[vii] Oder der Meditationsweg Ammergauer Alpen[viii] führt an Kraftorte, „die Sie einladen, Ihren Geist auf Reisen zu schicken“.  Der Weg lädt ein, in die Geschichte einzutauchen und sich selbst mit jedem Schritt näherzukommen. „In der Gleichmäßigkeit des Gehens finden Sie auf dem Meditationsweg zu innerer Ruhe, schalten vom Alltag ab und sind nur Sie selbst.“ Südtirol Balance[ix] fordert dazu auf, den Alltag loszulassen, zur Ruhe zu kommen, an Kraftplätzen neue Energie zu sammeln. „Spüren Sie bei einem Spaziergang über die Bergwiesen oder im kristallklaren Wasser eines Gebirgsbachs Ihren inneren Rhythmus.“ Und nicht zu vergessen das Waldbaden: Waldbaden, die naturbezogene Praxis, die darauf ausgerichtet ist, Stress zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu stärken: „Die Heilkräfte der Natur – Schritt für Schritt zur inneren Mitte.“[x

Nicht nur Urlauber, sondern auch Geschäftsreisende scheinen verstärkt auf der Suche nach Angeboten zur Entspannung und Kontemplation an Transit-Orten und im Reisemittel selbst zu sein. Im Tourismusreport 2015[xi] skizzieren Kirig und Eckes ein verändertes Unterwegssein und beschreiben eine neue Sehnsucht der Geschäftsreisenden nach innerer Stille.

Mehr Unternehmenskultur

Der Blick auf die Gesundheit wird zwar immer ganzheitlicher. In der touristischen Arbeitswelt selbst zeichnen sich Veränderungen ab, wenn auch erst langsam und sehr vereinzelt. Für Arbeitgeber heißt das, Stressfaktoren innerhalb des eigenen Unternehmens ernst zu nehmen und dafür zu sorgen, dass sich die Mitarbeiter in gesunden Rahmenbedingungen bewegen können. Als Wegbereiter für eine wertschätzende Unternehmenskultur gilt der Hotel-Unternehmer Bodo Janssen. Der Upstalsboom-Weg skizziert den Wandel von einem wirtschaftlich geprägten Unternehmen zu einem menschen- und werteorientierten Unternehmen.

Der Upstalsboom-Weg

Die Maxime des Unternehmers Bodo Janssens[xii] lautet: die Wertschätzung des Menschen und die Inwertsetzung seiner Begabungen und Talente führt zu mehr Innovation und Einsatzbereitschaft, da Mitarbeitende wieder einen Sinn sowohl in ihrer Arbeit als auch in ihrem Leben sehen. Janssen hat nach einschneidenden persönlichen Erfahrungen und grundlegendem Nachdenken, mit welchem Wertegerüst, mit welchem Sinn und Zweck er sein Unternehmen steuern möchte, ein wegweisendes Beispiel dafür geliefert, wie menschenzentrierte Führung, Selbstorganisation, Vertrauen und Achtsamkeit umgesetzt werden können. Sein Weg führte in u.a. in ein Kloster. Das unternehmerische Konzept ist inzwischen differenziert ausgestaltet. Neben der Anwendung im eigenen Unternehmen wird es als Beratungskonzept in „Upstalsboom-Werkstätten“ vermittelt. Ein abgestuftes Konzept stellt die Grundsäulen der gelebten Philosophie und die praktische Umsetzung des „Upstalsboom Weges“ vor. Besonderes Merkmal dieser „Werkstätten“ sind die persönlichen Erfahrungsberichte von Upstalsboomern: Ein Film, Veröffentlichungen oder Berichte von „Upstalsboomern on Tour“ verstehen sich als einführender Impuls. Basisinformationen liefern „Upstalsboom Unplugged“ (eine Werkstatt von und mit den „Upstalsboomern“) und die „Kulturwerkstatt“ zusammen mit Upstalsboomern auf einer Lernreise, um den Wandel im eigenen Unternehmen aktiv zu gestalten.

Der Upstalsboom-Weg (Quelle: https://www.der-upstalsboom-weg.de/)

Die Vertiefung des Upstalsboom-Weges

Das Konzept wird mit den folgenden Elementen weitergegeben:

1. „Das Upstalsboom Curriculum“: Es umfasst insgesamt sechs Module, die Teilnehmende mitnehmen „auf eine persönliche und unternehmerische Entwicklungsreise, eine Reise im Spannungsfeld der Regel des hl. Benedikt bis hin zu den neuesten Erkenntnissen der Gehirnforschung und positiven Psychologie. In unserem Curriculum geht es nicht um deine Position, Funktion, oder deinen Status im Unternehmen, sondern um dich als Menschen.“

2. „Der Upstalsboom Weg ins Kloster“: „Und nur, wer zu sich selbst eine gelingende Beziehung hat, kann auch gelingende Beziehungen zu anderen gestalten. Eine Zeit im Kloster ist ein Weg, die Beziehung zu sich selbst zu stärken.“

3. Das „Kultursightseeing“ lädt ein, in Upstalsboom Betrieben zusammen mit Upstalsboomern, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und intensiv nachzuforschen.

4. In der Entwicklungswerkstatt treffen sich zweimal im Jahr Upstalsboomer, Gäste, Interessierte und andere Wegbegleiter und arbeiten gemeinsam an den aktuellen Themen des Upstalsboom Weges. Für die Weiterentwicklung der Upstalsboom Kultur muss man sich bewerben.

5. Die „Klosterkurse Team Benedikt“ vermitteln Führungsbewusstsein und Formen der Inspiration des Teams. Bodo Janssen zeigt praktisch und konkret, wie er die Zufriedenheit der Mitarbeiter und die der Gäste erhöhen konnte.

Wertschaffende Entwicklungen

Für die nächsten Jahren sind weitere (touristische) Angebote mit einer ausgeprägten Erfahrungskultur an den Schnittstellen von Selbstveränderung, neuer Religiosität oder Natursehnsüchten zu erwarten, die dem Leben (einen neuen, einen eigenen) Sinn verleihen sollen. Denn gerade Reisen und Unterwegssein bieten für Sinnerlebnisse und Transformationsprozesse den notwendigen Raum, die erforderliche Erfahrungskultur und entsprechende Zugänge zu professionellen Strukturen. Die Veränderungspotentiale des Reisens werden intensiver anerkannt und vermehrt in den Blick genommen (und auch differenzierter analysiert werden müssen). So erhält Reisen eine neue Wertigkeit.


[i] Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin 20175

[ii] Rosa, Hartmut: Hier kann ich ganz sein, wie ich bin. Warum wir am glücklichsten sind, wenn wir mit anderen mitschwingen können. (Ein Gespräch mit Hartmut Rosa. Interview: Ulrich Schnabel). Die Zeit vom 28. August 2014. https://www.zeit.de/2014/34/hartmut-rosa-ich-gefuehl

[iii] Weidinger, Dagmar: Ensembles wahrnehmen. Gespräch mit Hartmut Rosa. In: augustin, 463 (2018), Seite 21.

[iv] Wippermann, Peter und Jens Krüger (Hrsg.): Werte-Index 2018. Frankfurt 2017; Kantartns Presseinformation vom 20.11.2017: Werte-Index 2018: Natur und Familie sind den Deutschen jetzt wichtiger. Freiheit und Erfolg werden zur Nebensache https://www.kantartns.de/presse/presseinformation.asp?prID=3609 [15.4.2019]

[v] https://blog.sh-tourismus.de/blog/schlafstrandkorb; https://www.sh-tourismus.de/urlaubswelten/gluecksmomente [15.4.2019]

[vi] https://www.bayern.by/erlebnisse/stade-zeiten/ [15.4.2019]

[vii] https://www.wege-zum-leben.com/netzwerk-wege-zum-leben/hintergrund/ [15.4.2019]

[viii] https://www.meditationsweg.bayern/brennendesherz-ammergau/Der-Weg2/Meditationsweg-Ammergauer-Alpen [15.4.2019]

[ix] IDM Südtirol (Hrsg.): Grundlagenpapier „Entspannen & Wohlfühlen“. Bozen 2016; https://www.suedtirol.info/de/erleben/wellness-entspannung/suedtirol-balance [15.4.2019]

[x] https://www.bayern.by/wald/botschafter/waldbaden/

[xi] Kirig, Anja und Susanne Eckes, : Tourismusreport 2015. Frankfurt 2014, S. 77-78.

[xii] https://www.die-upstalsboom-werkstatt.de/ [15.4.2019]; https://www.der-upstalsboom-weg.de/ [15.4.2019]


Geschrieben von Dr. Wolfgang Isenberg


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