Vom Phänomen „Leisure Sickness“ und dessen Prävention im Kurort

Endlich Urlaub! Lust auf Sonne, Berge, Meer … Aber kennen Sie das auch: Kaum fällt der Stresspegel des Jobs ab, fühlt man sich unwohl – die Nase läuft, der Kopf pocht oder der Magen spielt verrückt. Psychologen nennen das Phänomen, im Urlaub oder am Wochenende krank zu werden, Leisure Sickness („Freizeitkrankheit“).

Ein Forscherteam der IUBH Internationale Hochschule und der UMIT-Universität hat das Freizeitverhalten der Deutschen genauer beleuchtet und ermittelt, wer besonders von Leisure Sickness betroffen ist.

Fünf Dinge, mit denen wir unsere Freizeit verbringen:

  • Arbeitsbezogene Freizeit: Hat einen sehr starken Bezug zur Arbeit und bedeutet zum Beispiel, ständig erreichbar zu sein oder außerhalb der Arbeitszeit noch Aufgaben erledigen zu müssen. Auch private Treffen mit Kollegen und Geschäftspartnern zählen dazu.
  • Regeneration und Weiterbildung: Dazu zählt die Ruhephase nach der Arbeit durch Erschöpfung ebenso wie freiwillige Fortbildungen. Hat ebenfalls starken Bezug zum Beruf.
  • Pflichten und Soziales: Hier besteht kein Bezug zum Beruf, muss aber erledigt werden. Gemeint sind unvermeidbare Pflichten wie zum Beispiel Hausarbeit oder Einkaufen, selbst gewählte Aufgaben wie Kinder oder freiwillige Verpflichtungen wie Ehrenämter.
  • Kontrast zur Arbeit: Meint Aktivitäten, die einen bewussten Gegenpol zur Arbeit bilden. Man schafft sich ganz bewusst einen Ausgleich, zum Beispiel durch Hobbys sportlicher oder künstlerischer Art oder Zeit in der Natur.
  • Freie Freizeit: Meint wirklich freie Zeit, in der man tun kann, wozu man gerade Lust hat.

Quelle: IUBH Internationale Hochschule GmbH 2018

Work-Life-Balance beeinflusst Leisure Sickness-Risiko  

Diese Freizeitbeschäftigungen verfolgen wir alle, jedoch in unterschiedlicher Intensität. Daraus hat das Forschungsteam fünf typische Gruppen mit unterschiedlicher Anfälligkeit für Leisure Sickness bestimmt:

  • Die Arbeitstiere: Diese Gruppe lebt für die Arbeit und zeigt große Anteile an „Arbeitsbezogener Freizeit“ und „Regeneration und Weiterbildung“. Die Lust auf außerberufliche Aktivitäten ist wegen großer Erschöpfung meist gering. Zusätzlich liegt diese Gruppe auch bei „Pflichten und Soziales“ ganz vorne, hier aber vor allem bei den unvermeidlichen Pflichten. Sport und soziale Kontakte spielen dagegen kaum eine Rolle, und auch der Kontrast zur Arbeit ist in dieser Gruppe am geringsten. Hier finden sich in erster Linie Personen im höheren Alter ab 45 Jahren und eher ohne Führungsposition wieder.
    Leisure Sickness-Anfälligkeit: hoch
  • Die Inaktiven: Diese Gruppe liegt beim Anteil „Freie Freizeit“ relativ weit vorne, und hat den geringsten Anteil an „Arbeitsbezogener Freizeit“ sowie „Regeneration und Weiterbildung“. Sie hat also am meisten Energie für Freizeit und Aktivitäten, aber tendenziell wenig Struktur und Verbindlichkeiten in der Freizeitgestaltung. Zu dieser Gruppe zählen mehr Männer und jüngere Altersgruppen. Auch Führungskräfte sind stärker vertreten.
    Leisure Sickness-Anfälligkeit: hoch
  • Die Einzelgänger: Diese Gruppe liegt bei der „Freien Freizeit“ ganz vorne, bei der „Arbeitsbezogenen Freizeit“ und „Regeneration und Weiterbildung“ im Mittelfeld. Die Arbeit spielt also in der Freizeit keine so große Rolle, das Gleiche gilt für Sport in Gesellschaft oder soziale Kontakte. Etliche Mitglieder dieser Gruppe sind zwischen 25 und 34 Jahre alt, etwas mehr weiblich und arbeiten oft Vollzeit ohne Führungsposition.
    Leisure Sickness-Anfälligkeit: durchschnittlich
  • Die Ausbalancierten: Diese Gruppe hat weniger „Arbeitsbezogene Freizeit“, ist weniger erschöpft von der Arbeit und hat dadurch mehr Lust auf Aktivitäten und Unternehmungen. Nichts desto trotz nehmen die Pflichten einen großen Raum ein. Das Ergebnis ist weniger „Freie Freizeit“, aber trotzdem ein besserer „Kontrast zur Arbeit“. Männer ab 45 sind genau wie Menschen in Führungspositionen etwas stärker vertreten.
    Leisure Sickness-Anfälligkeit: gering
  • Die Verplanten: Auch diese Gruppe hat viel „Arbeitsbezogene Freizeit“, aber zeigt sich weniger erschöpft und verspürt Lust auf Aktivitäten und Unternehmungen. Bei den Pflichten liegen sie im Mittelfeld. Freizeit mit anderen ist für diese Gruppe ebenfalls wichtig, genau wie „Kontrast zur Arbeit“. Der Anteil an wirklich „Freier Freizeit“ ist dagegen am geringsten. In diesem Cluster sind etwas mehr Frauen vertreten.
    Leisure Sickness-Anfälligkeit: gering

Quelle: IUBH Internationale Hochschule GmbH 2018

„Freie“ Freizeit tendenziell kontraproduktiv

Die Studie zeigt damit einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Freizeitverhalten und Anfälligkeit für Leisure Sickness. Dabei bedeutet viel „freie Freizeit“ entgegen der Erwartungen jedoch keineswegs Schutz vor Leisure Sickness. Ganz im Gegenteil tragen zu wenig Sozialkontakte und Verpflichtungen, also wenig Struktur und Verbindlichkeit in der Freizeit eher zum Auftreten des Phänomens bei. Gruppen, die sich insbesondere einen „Kontrast zur Arbeit“ schaffen – „Die Ausbalancierten“ und „Die Verplanten“ – sind hingegen weniger anfällig für Leisure Sickness. Sie schaffen sich stärker einen Ausgleich zur Arbeit.

Leisure Sickness vorbeugen im Kurort

In diesem Kontext können Heilbäder und Kurorte gesundheitstouristische Angebote positionieren, die bei der Freizeitgestaltung als bewusstem Ausgleich zum Job unterstützen. Dies gilt für den Aufenthalt vor Ort, aber viel mehr noch als Impuls und Lernen zur dauerhaften Implementierung in das alltägliche Freizeitverhalten. Dazu zählen z.B. Bewegungsangebot in der Natur, Erlernen von Entspannungstechniken etc.

Viele Kurorte halten solche Angebote bereits vor. Beispielsweise Bad Kissingen verfolgt einen edukativen Ansatz für mehr Resilienz und gesunden Lebensstil. Die HESCURO Klinik setzt mit dem Präventionsprogramm „Stark für den Alltag“ Impulse, u.a. für eine gesunde Freizeitgestaltung (Nordic Walking, Chi Gong, progressive Muskelentspannung etc.). Die Programme des bayerischen Projektes IGM-Campus machen den Gast zum Manager der eigenen Gesundheit und begleiten ihn auch zurück am Heimatort via Online-Portal bei einer gesundheitsorientierten Lebens- und Freizeitgestaltung. Auch für Einheimische bieten die Kursprogramme in Heilbädern und Kurorten attraktive Angebote zur bewussten und gesunden Freizeitgestaltung, z.B. das Staatsbad Salzuflen in seinem Vitalzentrum.

By the way: Auch bevor diese Angebote Wirkung zeigen sind z.B. „Arbeitstiere“ und „Inaktive“ mit hohem Leisure Sickness-Risiko dank der gebündelten medizinisch-therapeutischen Kompetenz in Heilbädern und Kurorten bestens aufgehoben …


Geschrieben von Anne Dorweiler

Ich bin Consultant bei der PROJECT M GmbH, einer Unternehmensberatung, die führend im Medizin- und Gesundheitstourismus ist. Als Co-Autorin der Studie „Kompetenzanalyse der Heilbäder und Kurorte“ befasse ich mich seit mehreren Jahren intensiv mit dem Gesundheitstourismus, bin in unterschiedlichsten Kurorten von den Bergen bis zur See unterwegs und auf Landesebene aktiv. Besonders spannend ist dabei die Zusammenarbeit sowohl mit Touristikern als auch Medizinern. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf der zielgruppenspezifischen Vermarktung gesundheitstouristischer Angebote und Produkte.


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