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Kur am Ende – die Kurorte auch! – Und was sagen Sie zu diesen Fakten?

In der Fachöffentlichkeit werden die Kurorte gerne in die Krise geredet. Doch tatsächlich wächst die Nachfrage – und das in einem günstigen gesundheitstouristischen Marktumfeld. Lesen Sie hier die Fakten.

Der Schock saß tief und mancher hat sich emotional bis heute noch nicht davon erholt. Mitte der 1990er Jahre ließen die Gesundheitsreformen die Heilbäder und Kurorte in Deutschland schrumpfen. Was bislang ein ausgesprochen einträgliches und sicheres Geschäftsmodell zu sein schien, löste sich nach und nach in Wohlgefallen auf. Seitdem haben die Kurorte und Heilbäder in Deutschland nach Lösungen gesucht – und viele haben sie gefunden. Viele Kurorte und Heilbäder in Deutschland haben sich oft längst konsolidiert. Das Krisengerede trifft schon lange nicht mehr zu.

Warum noch die Realität beachten, wenn man doch schon eine Meinung hat…

Als im Juli die F.A.Z. anrief und um ein Interview bat, spürte ich schon vom ersten Telefonat an die Richtung, in die das Interview gehen sollte. Die Redaktion war möglichst nach Zahlen, Daten und Fakten auf der Suche, die eine Krise der Kurorte und des Bäderwesens belegen sollten. Nachher titelte man: „Lieber Kreuzfahrt als Kurpark“ und schrieb die Kurorte in die Krise. Eine Krise, die es so definitiv nicht gibt.

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Quelle: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/bad-pyrmont-setzt-auf-anti-burn-out-programm-14270057.html
Bedeutung der Heilbäder und Kurorte wird massiv unterschätzt

Denn die rund 350 prädikatisierten Kurorte und Heilbäder sind nach wie vor das Rückgrat des Deutschlandtourismus. Nach wie vor gibt es Wachstum, auch wenn sich dieses  recht unterschiedlich verteilt. Genauso, wie die Zahl der Kurorte nicht abnimmt – eher ist das Gegenteil der Fall – nimmt ihr Gewicht ab: Auch wenn ich der amtlichen Statistik nicht alles glaube, aber hier irrt sie nicht: Mindestens 26% aller 436 Mio. Übernachtungen in Deutschland im Jahr 2015 haben in Heilbädern und Kurorten stattgefunden. 60 bis 70% dieser Übernachtungen wiederum sind gesundheitlich motiviert.

Immer wieder treffen wir, wenn wir diese Zahlen nennen, auf Zweifler: Wie kann das sein, dass so viele Übernachtungen auf Gesundheit entfallen, die Kur funktioniert doch gar nicht mehr. Das mit der Kur mag zutreffen, aber die Kur ist nur eines der vielen Marktsegmente im Gesundheitstourismus:

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Quelle: PROJECT M  und KECK MEDICAL

Den gesundheitstouristischen Markt verstehen wir, angefangen von gesundheitsorientierten Wellness-Aufenthalten über Präventionsreisen, bis hin zu Reisen aus medizinischen Gründen. Ausschlaggebend für die Zuordnung einer Reise zum Gesundheitstourismus ist aus einer nachfrageorientierten Betrachtung, dass der Reisende aktiv etwas für die Gesundheit getan hat. Was bedeutet nun „aktiv etwas für die Gesundheit tun“? Grundsätzlich lässt sich der Markt in zwei Bereiche unterscheiden – entweder stehen Urlaubsmotive oder gesundheitliche Motive im Mittelpunkt der Reiseentscheidung. Die Reisenden können gesund sein oder an einer Krankheit leiden, woraus wiederum spezifische Bedürfnisse resultieren.

Begriffswirrwarr und Fehlinterpretationen führen zu falschen Wahrnehmungen

Wir sprechen deswegen auch nicht von „Gesundheitsurlaub“ als Sammelbegriff. Auch wenn er in die Irre führt, wird der Begriff “Gesundheitsurlaub” immer wieder, nicht zuletzt von renommierten Marktforschungsstudien verwendet. Die Verwendung zeugt jedoch von einem nicht vorhandenen Marktverständnis, da sie den unterschiedlichen Motiven und Anlässen der Reisenden nicht gerecht wird: Jemand, der eine Reha-Maßnahme verbringt, wird das oft nicht als Urlaub empfinden. Jemand, der eine Wellnessreise macht, wird diese nicht als Gesundheitsurlaub wahrnehmen, auch wenn er die gesundheitlichen Wirkungen und Mehrwerte schätzt. Ein Chroniker, der einen sorgenfreien Urlaub mit Service und Sicherheit speziell bezogen auf seine Einschränkung verbringt, macht keinen Gesundheitsurlaub, sondern einen ganz normalen Urlaub, auch wenn er an seinem Urlaubsort auf medizinisch-therapeutische Unterstützung angewiesen ist.

Fragt eine Marktforschungsstudie daher nach Gesundheitsurlaub, kann man die Ergebnisse eigentlich schon vergessen. Sie sind dann ein Artefakt einer nicht der Kundenwahrnehmung entsprechenden Fragestellung. Sie messen etwas, das es in der Realität in dieser Form kaum gibt.

In Heilbädern und Kurorten wird Geld verdient: viermal höhere Ausgaben der Gesundheitsgäste im Tagestourismus

Auch wenn ich diese Zahlen aus der Branchen-Leitstudie „Kompetenzanalyse der Heilbäder und Kurorte in Deutschland“ vortrage, sorgen sie immer wieder für Erstaunen bei meinen Zuhörern: Zahlungsbereitschaft und -verhalten haben sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert. 68% der Übernachtungsgäste und über 80% der Tagesgäste im Gesundheitstourismus zahlen den Aufenthalt komplett selbst.

Ein gesundheitstouristischer Übernachtungsgast gibt rund 8% mehr aus als der durchschnittliche Reisende. Bei Tagesgästen liegen die Ausgaben sogar beim Vierfachen eines „normalen“ Gastes. Bei Tagesgästen entfällt ein besonders hoher Anteil der Ausgaben auf gesundheitliche Leistungen, allen voran Wellness- und Beautyanwendungen sowie Eintritte in Thermen, Bäder und Saunen.

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Quelle: Ausgaben der Übernachtungsgäste in Deutschland © dwif 2010, Tagesreisen der Deutschen © dwif 2013 und Health Infra © PROJECT M 2016

Mein Fazit: Das Krisengerede der Heilbäder und Kurorte ist von gestern. Die Orte bewegen sich in einem Wachstumsmarkt. Der Gesundheitstourismus umfasst mehrere lukrative Teilmärkte und jede Menge interessante Nischen. Allerdings: Die Zeiten der Zuweisung von Kurgästen in die Orte sind vorbei. In den Orten sind Spezialisierung und konsequente Ausrichtung auf die Wachstumssegmente von heute und morgen notwendig. Und: Eine Aufklärungs-, Informations- und Imagekampagne nach innen und außen wäre sicher auch nützlich. Es gilt mit Meinungen und Fehlwahrnehmungen aufzuräumen. Zahlen, Daten und Fakten sind gefragt…

Haben Sie Interesse an weiteren Zahlen, Daten und Fakten zu den Heilbädern und Kurorten in Deutschland? Dann melden Sie sich bei unserem Kurorte-Newsletter an.

Interessieren Sie sich für die Zahlen, Daten und Fakten Ihres eigenen Ortes? Dann nehmen Sie zu unserer Kurorte-Studie, der “Kompetenzanalyse der Heilbäder und Kurorte in Deutschland” mit uns Kontakt auf bzw. besuchen Sie die Studien-Website unter http://gesundheit-tourismus-blog.com/studien/


Geschrieben von Cornelius Obier

Ich bin Geschäftsführer der PROJECT M GmbH, einer im Gesundheits- und Medizintourismus führenden Unternehmensberatung im deutschsprachigen Raum. Gesundheits- und Medizin-tourismus gehört seit vielen Jahren zu meinen „Steckenpferden“. Seit 1996 habe ich in diesem Markt eine Vielzahl von Beratungsprojekten geleitet, bin Autor mehrerer Fachstudien, werde oft als Moderator oder Referent eingeladen. Medizin und Gesundheit auf der einen, Tou- rismus auf der anderen Seite: Mitunter finden die beiden Branchen nicht leicht zusammen. Ich kenne beide Seiten sehr gut und verstehe mich als Inspirator und Brückenbauer.


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